Sie haben zwei Gehirne

 

Die preisgekrönte naturwissenschaftliche Schriftstellerin Sandra Blakeslee hat sich auf die „kognitive Neurowissenschaft“ spezialisiert. In einem ihrer zahlreichen „New York Times“ Artikel fing sie die Verbindung zwischen unserem Darm und unserem Gehirn in diesem Zitat perfekt ein:

„Haben Sie sich jemals gefragt, warum Leute, bevor sie auf die Bühne gehen, ein flaues Gefühl im Magen haben? Oder warum ein bevorstehendes Vorstellungsgespräch eine Darmkrampfattacke verursacht kann? Und warum verursachen Arzneimittel gegen Depression, die doch aufs Gehirn abgezielt sind, bei Millionen von Menschen, die solche Mittel nehmen, Brechreiz oder Magenverstimmung? Der Grund für diese alltäglichen Erfahrungen ist der, weil jeder von uns im wahrsten Sinne des Wortes zwei Gehirne hat – das bekannte in unserem Schädel eingeschlossen, und das weniger bekannte, doch von entscheidender Bedeutung, das im menschlichen Darm vorkommt. Wie siamesische Zwillinge sind die zwei Gehirne miteinander verbunden; wenn eins sich aufregt, so regt sich auch das andere auf.“

Dieses „zweite Gehirn“ im Darm wird als „Darmnervensystem“ („enteric nervous system“) bezeichnet. Dieses besteht aus Neuronen (Nervenzellen), Neurotransmittern und Botenproteinen, eingebettet in Gewebeschichten oder „Umhüllungen, welche die Speiseröhre, den Magen, den Dünndarm und den Dickdarm säumen. (Das Wort „enteric“ ist der griechische Begriff für „Darm“.)

 

 Das Darmnervensystem hat einen komplexen Nervenkreislauf und dieses „zweite Gehirn“ in Ihrem Darm kann unabhängig von Ihrem ersten Gehirn fungieren. Es lernt buchstäblich aus den Erfahrungen, erinnert sich vergangener Handlungen und Geschehnisse und bringt eine ganze Reihe von „Bauchgefühlen“ hervor, die Ihre Aktivitäten beeinflussen können.

 

Entsinnen Sie sich der Bauchempfindung, die wir ein „flaues Gefühl im Magen“ nennen? Hat irgendeiner Ihnen jemals angeraten, „Ihrem Bauchgefühl“ zu folgen? Regelmässig hören wir Leute sagen, dass deren Magenverstimmung Albträume verursachen und Patienten erzählen oft ihren Ärzten, dass das bei Stimmungsschwankungen eingenommene Antidepressivum auch ihre Magen-Darm-Symptome verbessere. Jetzt wissen Sie warum.

Zwei Nervensysteme bilden sich während der fetalen Entwicklung

 

Früh in unserer Embryogenese (Embryoentstehung) erscheint eine Gewebeansammlung genannt die „Neuralleiste“, und teilt sich dann während der fetalen Entwicklung. Ein Teil verwandelt sich in das Zentralnervensystem und das andere wandert, um schliesslich das Darmnervensystem zu werden. Beide „Denkmaschinen“ bilden sich gleichzeitig und bis zu einem späteren Entwicklungsstand unabhängig voneinander aus.

 Dann verbinden sich die zwei Nervensysteme durch einen Nervenstrang, der „Vagus“ genannt, der längste von allen Hirnnerven. (Sein Name ist lateinischen Ursprungs und bedeutet „wandernd“.)Der Vagusnerv „wandert“ vom Hirnstamm durch die Organe in den Hals und den Brustkorb und endet schliesslich im Unterleib. Das ist Ihre lebenswichtige Gehirn-Darm-Verbindung.

 

Jordan Rubin hat den Begriff Gastro-Neuro-Immunologie geprägt, um den tiefgehendend Einfluss und die Bedeutung dieser Verknüpfung zwischen unseren zwei Gehirnen und deren Auswirkung auf die menschliche Immunfunktion zu beschreiben.

Unterschätzen Sie niemals ihr zweites Gehirn!

Die Menge der grauen Masse zwischen Ihren beiden Ohren ist für Ihr Wohlbefinden von grösster Bedeutung, doch sollten Sie niemals den zentral hohen Stellenwert Ihres „zweiten Gehirns“, des Darmes unterschätzen!

Dr. Michael Gershon, Professor der Anatomie und Zellbiologie am „Columbia Presbyterian Medical Center“ in New York City beschreibt das zweite Nervensystem des Körpers in seinem Buch „The Second Brain“ (Das zweite Gehirn):

„Das Gehirn ist nicht die einzige Stelle im Körper, die voller Neurotransmitter ist. Hundert Millionen Neurotransmitter belegen den Darm über seine ganze Länge, also etwa die gleiche Anzahl, die im Gehirn vorhanden ist. … Das Gehirn im Darm muss richtig funktionieren, sonst wird keiner den Luxus besitzen, überhaupt zu denken.“

Um 1899 entdeckten und beschrieben erstmals zwei englische Physiologen am „University Collage London“ die Wechselwirkung von Hormonen unter Befehl der Nervenzellen (Ganglien) im Verdauungstrakt. Wilhelm M. Bayliss und Ernest H. Starling narkotisierten Hunde und übten Druck auf den inneren Eingeweide-Hohlraum aus. Der Druck bewirkte Kontraktion und Relaxation gefolgt von einer vorwärtstreibenden Welle. Diese vorantreibende Welle oder „peristaltischer Reflex“ wurde dann als das „Gesetz des Darms“ bezeichnet. Es beschreibt die Art und Weise des Vorwärtstreibens der Nahrung durch den Verdauungstrakt.

 

Experimentalversuche demonstrierten, dass das „Gesetz des Darms“ wirkte und dass die Verdauung sogar dann weiterging, wenn all die Nerven, die den Darm mit dem Gehirn und dem Rückenmark verbinden, getrennt waren. Das überzeugte die Wissenschaftler davon, dass das Darmnervensystem unabhängig vom Zentralnervensystem ist.

 

Ein deutscher Wissenschaftler, Paul Trendelenburg, bestätigt das Werk von Bayliss und Starling 18 Jahre später, doch schnell konzentrierten sich die Wissenschaftswelt neu auf mehr „aufregende“ derzeitigen aktuelle Entdeckungen: die chemischen Neurotransmitter wie z.B. Adrenalin und Azetylcholin.

 

100 Jahre lang vergassen Wissenschaftler das

2. Gehirn

 

Nach einem politischen Konflikt innerhalb der Wissenschaftswelt stuften verärgerte Wissenschaftler den „Physiological Society“ (Physiologische Gesellschaft) willkürlich die Darmnerven einfach als einen Teil des „parasympathischen Nervensystems“ neu ein und haben doch tatsächlich die Entdeckung dieses „zweiten Gehirns“ für mehr als ein Jahrhundet einfach abgeschrieben.

Zwischen 1965 und 1967 kam wieder Interesse am Darmnervensystem auf, als Dr. Michael Gershon die Existenz eines 3. Neurotransmitter, Serotonin (5-Hyddroxytryptamin, 5-HAT), einbrachte, der im Darmnervensystem produziert und zugleich auch auf dieses gerichtet ist. Die Aussage von Dr. Gershon wurde bestätigt und heute wissen wir, dass dieser Neurotransmitter auch im Zentralnervensystem vorzufinden ist. Serotonin bewirkt, dass Sie sich gut fühlen. Für Ausgeglichenheit und emotionelle Gesundheit ist es äusserst wichtig und beeinflusst direkt das Wohlbefinden und die Funktion Ihres Verdauungssystems.

 

Noch sind wir dabei, die Art und Weise, wie das Darmnervensystem das Zentralnervensystem widerspiegelt, zu entdecken. Fast jede Substanz, welche die Funktion und die Kontrolle des Gehirns, unterstützt, ist im Darm aufgetaucht! Wichtige Neurotransmitter, die mit dem Gehirn in Verbindung gebracht werden – einschliesslich Serotonin Dopamin, Glutamat, Noradrenalin und Stickoxide –, sind in reichlichen Mengen auch im Darm zu finden.